LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 20: Zwischen Wirklichkeit und Realität

Liebe Charlotte, lieber Momo,

jede Veränderung ist gut. Das soll nicht heißen, daß wir alle am Tiefpunkt unseres Lebens sind, aber Veränderungen halten uns doch am Leben, oder?

In den letzten zwei Wochen habe ich bei drei Umzügen mitgeholfen. Alles Freunde von mir, die an derselben Krankheit leiden: Locophobie. Die Nebenwirkungen dieser Krankheit sind erhöhter Puls, flaues Magengefühl, kurz: gespannte Erwartung. Auch wenn die Ortsveränderung meistens nicht aus freien Stücken geschieht, auch wenn wir uns in der Wahl unseres geographischen Lebensmittelpunkts einer ganzen Reihe von Zwängen ausgesetzt sehen (wer kann sich schon mit Fug und Recht als "Wahl-Berliner" bezeichnen?), so erleben wir einen Umzug doch mit einer gespannten Erwartung; ein neuer Wurf, vielleicht Kniffel, vielleicht nur Fullhouse, auf jeden Fall eine Chance. Die Chance, beim Eintritt in die neue Sphäre die Tür hinter uns zuzumachen. (Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, Hesse zu zitieren.)

Aber ist es denn überhaupt noch wichtig, wo, in welcher Stadt, in welcher Straße wir leben? Sitzen unsere Körper nicht sowieso nur noch auf einem schweineteuren Drehstuhl an einem selbstgebauten Schreibtisch vor einem rund um die Uhr kommunizierenden Computer? Befinden wir uns in Wirklichkeit nicht ständig in einer anderen Realität? Ist unser Nervensystem nicht schon längst ins Datennetz ausgewandert? Selbst Berlin ist für uns Möchte-nicht-Schwaben nur noch einen Klick weit entfernt. Wir können in weit entfernten Ländern oder Galaxien leben, in anderen Zeiten und Kulturen, und sind dabei völlig unabhängig von der Welt auf der anderen Seite der Fensterscheibe. Oder nicht? Als ich vor etwa zehn Jahren in diesen winzig kleinen Ort am Rande der Schwäbisch Alb gezogen bin und gleich am ersten Tag im Tante-Emma-Laden mit den Worten begrüßt wurde "Ond, wann isch's so weit bei ihrer Frau?" (kein "Grüß Gott", kein "Guten Tag", kein "Herzlich Willkommen", da wurde mir schlagartig klar, das Auto würde das wichtigste Medium für mich werden. Es würde mich von hier fortbringen, wann immer ich es wollte. Locophobia.

Mit Blick auf Sauren Regen und Klimawandel wünsche ich mir manchmal, ich könnte das Auto gänzlich durch meine realovirtuelle Schnittstelle ersetzen, durch meinen Schreibtisch und den Computer. Doch so weit sind wir noch nicht, zum Glück. Wo kämen wir hin, wenn wir uns nur noch zu virtuellem Kaffee verabreden könnten? Dass Realität noch existiert, so richtig physisch und in echt, das spüre ich jedenfalls nach drei Umzügen in zwei Wochen ganz deutlich: an meinem Rücken.

Woran merkt Ihr, liebe Charlotte und lieber Momo, dass ihr lebt, an dem Ort, an dem Ihr lebt?

 

1 Kommentar Kiron am 23.3.09 01:02, kommentieren

Folge 19: Gardinenphobie

Lieber Momo,

vermutlich würde ich in dirty Kreuzberg landen, wenn ich ich wäre. Nur gibt es da momentan ein Problem: ich weiß nicht mehr, ob ich tatsächlich ich bin. Kennst du das?

Und wie das geschah: ich zog um. Irrsinnigerweise mit hohem Fieber und ner Überdosis Grippetabletten intus. Und dabei muss es dann passiert sein, ich vergaß wohl, mich mitzunehmen. Denn auf einmal finde ich mich wieder: in meiner neuen Wohnung, die jetzt Gardinen vorm Fenster hat.

Kannst du dir das vorstellen? Ich - in einem Raum, also, im selben Raum mit einer Gardine? Die ich auch noch selbst gekauft und drangeschraubt hab? Ich? Die seit langen Jahren wie eine Wahnsinnige gegen den kleinstädtischen Gardinenfetischismus kämpft, immer wieder Guerillaaktionen in Textiiengeschäften durchführt (unter dem Namen Aktionskommando Mehr Tageslicht)? Und jede Vermieterin damit verschreckt, dass sie sich weigert, strikt!, dem spärlichen Tageslicht, dass durch die Nischen dringt, die man in Baden-Württemberg FENSTER nennt, Einhalt durch einen Sichtschutz (anderes Wort für: Gardine) zu gebieten?

Siehst du ich kann mir das von mir selbst auch nicht vorstellen. Deswegen denke ich gerade nach, ob mich das Leben hier wohl verändert? Ob ich langsam aber sicher zu einer alten, verhutzelten Provinzschnecke werde? Mich anpasse? Wie viel Veränderung ist gut, Momo?

1 Kommentar CHARLOTTE am 23.3.09 00:59, kommentieren

Folge 18: Never Go West

Liebe Charlotte,

wenn Du mich fragst, sind Umzüge in Berlin vor allem eine hoch politische Angelegenheit. Mit jedem Stadtteil, für oder gegen den Du Dich entscheidest, gibst Du ein klares Statement ab. Du verlässt das olle aber kultige Friedrichshain und schlägst Deine Zelte in Mitte auf? Dann machst Du Dich der Schicki-Micki-Verherrlichung verdächtig und wirst die Beschimpfung „scheiß Mitte-Styler“ von nun an auch auf Dich beziehen müssen. Du flüchtest vom Prenzlauer Berg und lässt Dich in Kreuzberg nieder? Dann findest Du wegen der bundesweit bekannten Familieninvasion des Prenzlberges zwar viel Verständnis, wirst aber gleichzeitig mutlos genannt. Die Entwicklung der beiden Stadtteile geht nämlich schnurstracks in die gleiche Richtung, Du ziehst also bloß den Nieselregen der Traufe vor. Zu Deiner Verteidigung könntest Du versuchsweise anführen, dass Kreuzberg unter Immobilienspekulanten zu den so genannten heißen Stadtteilen gehört, wo Loft- oder Gated-Living-verdächtige Sanierungsprojekte von der linken Szene sabotiert werden. Deine Wahl wäre so gesehen also absolut pc. Solange Du allerdings keinen schwarzen Kapuzenpulli und diverse Nasenringe vorzuweisen hast, dürfte das Motiv unter „vorgeschoben“ einsortiert werden.

Ich sage Dir, Respekt wirst Du nur dann ernten, wenn Du aus dem sauberen Westen schnurstracks nach Neukölln emigrierst. Damit beweist Du nämlich Einsichtsvermögen und aufrichtige Liebe zu Berlins schwarzer Seele und demonstrierst außerdem, dass Dir soziale Brennpunkte lieber sind als Heile-Welt-Fantasien. Neue Freunde musst Du Dir also tatsächlich nur dann suchen, wenn Du Dich aus unerfindlichen Gründen für die Gegenrichtung entscheidest: Deine Neuköllner Mischpoke wird Dich in Zelendorf höchstens einmal  besuchen kommen – und zwar um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, dass dort wirklich alles so piefig ist wie immer behauptet wird. Zelendorf muss man sich also nicht nur finanziell leisten können, sondern vor allem emotional.

In welche Richtung ich den Prenzlauer Berg verlassen werde, weiß ich noch nicht, aber dass ich mich verdünnisiere ist klar. Du kennst Dich doch auch aus in Berlin, Charlotte. Welcher Stadtteil kommt Deiner Befindlichkeit am nächsten?

1 Kommentar MOMO am 2.3.09 17:55, kommentieren

Folge 17: (Um-)Zug aufm Schachfeld-Schlachtbrett

lieber Momo,

prima Idee. Komm ich zu deinem Umzug, kommst du zu meinem? Siehste, rumkolchosen geht supergut. Wobei du in der Stadt sicher mehr Tauschmöglichkeiten (bei der Massage mach ich sofort mit! Gegen Kirschkernkuchen!) hast, als ich.

Zurück zu dem Ding mit dem Umzug. Wann ziehste denn aus deiner Luxus-Butze, Marke hoher Altbau mit viel Licht, raus? Und vor allem wohin? Quer durch Berlin? Zu neuen Hausgesichtern, unbekannten Straßenzügen, geheimen Plätzen, die noch zu entdecken sind und auf der Flucht vor dem alten Sozialumfeld? Hat ja immer was von Ü-Ei-Öffnen, so ein Umzug. Manchmal der 6er im Veränderungslotto, manchmal nicht.

Da hab ich’s in der Provinz wieder mal viel einfacher. Oder eben auch nicht. Denn wäre ich auf der Suche nach neuen Sozialumfeldern und unbekannten Straßenzügen, müsste ich schon die Postleitzahlenkombination mal so richtig neu durcheinanderwürfeln. Mangels städtischem Raum zum Ausbreiten – den Traum vom Landhausaufenthalt hab ich bereits durchgestanden – geht das mit dem Umziehen hier nur beschränkt. Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: Berg rauf oder Berg runter. Das eine bedeutet allmorgendliches Bus-Verpassen, nächtliches, nicht-nüchternes Nachhausebergauflaufen, dafür ein Weitwinkel-Panorama ohne Ende.

Die andere Variante: Fithalten durch tägliches Radfahren, auch nächtlich und nicht-nüchtern. Dafür aber auch das komische Gefühl, die Berge rücken näher. Nordwestdeutsch gesprochen: Beklemmungsangst, Atemnot.

Die Entscheidung ist eklatant: die Landschaft ist der einzige Veränderungsfaktor in der Sinuskurve. Alles andere bleibt beim Alten, selbst der Haustyp Marke verwinkeltes Fachwerkminiquadratzimmer mit bloß einer Andeutung von einem Fenster (Tageslicht gibt’s nur per Lampe).

Sag selbst: macht Umziehen da noch Spaß? Wenn das Ganze drumherum mit Spiel, Spaß, Spannung fehlt?
Oder ist es mehr nur ein Verschieben der eigenen Dinge von links nach rechts auf dem provinziell-kariertem Schachfeld-Schlachtbrett?

1 Kommentar CHARLOTTE am 15.2.09 12:46, kommentieren

Folge 16: Tausche Partylärm gegen Umzugshilfe

Liebe Charlotte, woher soll ich wissen, wo der geographische Mittelpunkt von Berlin liegt? Von mir aus im Wohnzimmer einer Wilmersdorfer Witwe. Oder in einer der Pinkelecken hinterm Bahnhof Zoo. Vielleicht aber auch immer genau da, wo Klaus Wowereit gerade ist. Wer weiß. Über Tauschgeschäfte kann ich Dir allerdings gerne was erzählen. Mit meinen Nachbarn über mir tausche ich nämlich sehr oft. Beispielsweise meine Geduld gegenüber ihrem Partylärm gegen ihre Hilfe, wenn ich mich wieder einmal ausgeschlossen habe. Sollte ich kurz zuvor zufälligerweise besonders nachsichtig gewesen sein und nur einmal in der Terrornacht vor ihrer Tür gestanden haben, darf ich sogar etwas Werkzeug dabei kaputt machen. Eine andere Variante funktioniert so: Ich leihe ihnen den Kellerschlüsse, damit sie sich einen neuen machen können. Dafür nehmen sie dann in der Zeit darauf mehr Rücksicht auf mich, ohne dass ich ihre Tür mit Fäusten bearbeiten muss. Klingt fair finde ich, und ist es ja irgendwie auch.

Davon ab überlege ich aber ernsthaft, dem Tauschring Prenzlauer Berg beizutreten. Ich würde mich nämlich gerne massieren lassen, kann mir das aber gegen Bezahlung mal wieder nicht leisten. Dummerweise weiß ich nicht, was ich zurücktauschen könnte. Soll ich einer der Vielen werden, die Fahrräder reparieren? Da kriegt man bestimmt nur solche, die irreparabel sind und ärgert sich schwarz. Oder bei Umzügen helfen? Ich will mir aber keinen Bandscheibenvorfall an einem Klavier, ner Waschmaschine oder einem Dutzend Zentnerkartons heben. Dann muss ich ja noch öfter zur Massage – und mein Tauschproblem wird immer größer. Apropos Umzug: Ich flieg dieses Jahr noch raus aus meiner Bude. Kommst Du mir beim Umzug helfen, Charlotten?

1 Kommentar MOMO am 9.2.09 16:18, kommentieren

Folge 15: Bügel-BH mit Männlichkeitswahn

 
lieber Momo,

das mit dem Fortbewegen ist in der Provinz so eine Sache. Ich denke ja gerade mehr und mehr drüber nach, ob ich mich hier, 15 Straßen entfernt vom geographischen Mittelpunkt Baden-Württembergs, tatsächlich noch fortbewege. Oder ob ich mich nicht besser fort bewegen sollte, um wieder vorwärts zu kommen?

Die Möglichkeiten in der Provinz, der Input für Aug` und Ohr` sind immerhin begrenzt. „Yes, we can“ ist vielleicht nur woanders möglich?

Aber Jammern gildet nicht, ätschibätsch! Und die Not wird vielleicht zur Tugend: in der Provinz ist es letztendlich hundertmal einfacher, selbst was vom Hocker zu reißen als in großen Städten, wo Hinz und Kunz einander nicht kennen. Weißt du, was ich meine?

Hier herrscht nämlich, obwohl wir mitten im durchglobalisierten Westen wurzeln, das Prinzip des sozialistischen Tausch-Ostens: tausche Speisekartenlayoutentwurf gegen warmes Mittagessen, zubereitet von einem schwäbisch-cholerischem Kochgott. So erlebt letzte Woche.

Oder, so, wie mir diese Woche blüht: tausche selbstgebackenen Kirsch-Schokoladenkuchen gegen Waschmaschinenreparatur - wusstest du übrigens, dass man Bügel-BHs unter keinen Umständen freilaufend in der Waschmaschine waschen darf? Zu gern trennt sich da mal der Bügel ohne Bindestrich vom BH und rutscht durchs Nadelöhr hinter die Trommel…und dann: Zappenduster, mein Lieber!

Ab nun scheppert jeder Wäschegang, dass es auch die Oma aus dem vierten Stock noch ohne Hörgerät wahrnimmt. Das geht auf Dauer nicht gut! Weder für die Oma noch für alle anderen.

Aber woher nun einen Monteur nehmen, wenn der letzte Groschen gerade eben noch für ein Handwaschmittel reicht? Freiwillig und ständig schleppt man also erstmal seine Wäsche um den halben Erdball. Die Kuckucke auf den letzten Erbmöbeln sollen schließlich nicht an den kotzgierigen Waschmaschinensalonbesitzer gehen, verdammt!

Lieber verpfändet man sich dem hiesigen, charmanten Theaterintendanten. Der neben seiner eigenen Waschmaschine samt aufhängbedürftiger Wäsche erst nach eindringlichem Verweisen auf eine vehemente Aufhängallergie sofort die theatereigene Kostümwaschmaschine freigibt. Und ein untergründig subtiles Lächeln auf sein Gesicht zaubert, sobald man ihm als Gegenäquivalent die 1001 Briefe unter die Nase wedelt, die man innerhalb einer 30-Grad-Wäschezeit gefaltet hat…

Doch auch diese Variante ist keine Dauerlösung. Das Kreuz tut schon weh vom Schleppen, und ewig die eigenen Höschen in der Männergarderobe trocknen zu müssen, führt auf Dauer zu sexistischen Bemerkungen.

Ein Glück also, dass der mit der Vermieterin vergeschwisterte Raumausstatter mit dem Handwerkskoffer aus der nächstgrößeren Stadt in das Wohnzimmer zum Sonntagstee einfällt. Welcher beschließt: „wenn’s Kuchen gibt, reparier ich dir die Maschine“. Und das in einem frauenbecircenden „Mach dir keine Gedanken, Kleines, aber Technik ist was für Männer, das kriegst du nicht hin“ -Ton.

Blöd für ihn ist nur: bei mir zieht dieses männliche Gesäusel und Darstellungsgehabe nicht. Trotz aller Dankbarkeit werd ich ihm daher einen Kirschkern in sein Kuchenstück backen müssen. Jaja, ein leuchtender Vergeltungsschlag!Fallerifallera!

Aber, ähm, zurück zum – wie du merkst – kolchoseartig organisiertem Leben in der Provinz – gibt es in deinem Großstädterleben auch Tauschgeschäfte? Und wo liegt eigentlich der geographische Mittelpunkt von Berlin?

1 Kommentar CHARLOTTE am 31.1.09 23:00, kommentieren

Folge 14: Es rattert die Linie mit berauschendem Krach...

Liebe Charlotte, die clowneske Antwort die mir bei Deiner Frage sofort in den Sinn schoss, lautet: Die Nachtigall trapsen. Aber damit meint man ja immer so etwas in der Art, dass man etwas langsam kapiert, begreift, so in der Art. Und dazu fällt mir wirklich nichts weiteres Witziges ein. Ich bleibe also einfach bei der Wahrheit und sage wie es ist: Ich öffne das Fenster – und höre das Rattern der Tram. Die Linie M4, die Weißensee inklusive Passage des Alex mit dem Hackeschen Markt verbindet, fährt direkt bei uns vor dem Haus vorbei. Wenn Du jetzt aber denkst, dass mich das stört, dann irrst Du Dich.

Das Rattern der Tram ist etwas, das ich sehr gerne höre, selbst wenn die Linie im Fünfminutentakt fährt. Unter Berücksichtigung der Gegenrichtung bedeutet das immerhin einmal Tramrattern alle zweieinhalb Minuten. Das empfinde ich im Unterschied zum Lärm der Autos allerdings geradezu als beruhigenden Sound der Großstadt, der genau genommen sogar eine Menge angenehmer Assoziationen und Bilder transportiert. Es sind besonders die alten Trams mit ihrem liebenswert unzweitgemäßen Erscheinungsbild, die dieses Gefühl prägen. Dazu die wunderbare Verlässlichkeit des Fünfminutentakts. Nicht zu vergessen den Kasten gegenüber dem Fahrscheinautomaten, der eigentlich kein Sitzplatz ist, auf dem ich aber am liebsten sitze. Dazu die Vorstellung, dass mich die Tram auf eine Art direkt mit dem Alexanderplatz verbindet, den ich ebenfalls sehr mag. Und auch Erinnerungen an Episoden wie die, dass ich vor kurzem zusammen mit einem Freund einen Weihnachtsbaum in eine Tram geschleppt habe, der dann ohne uns weiter und natürlich schwarz gefahren ist, gehören dazu.

Ach ja... Während ich mich gerade regelrecht schwärmen höre, fällt mir ein, dass es nur in wenigen deutschen Städten überhaupt eine Straßenbahn gibt. Womit, liebe Charlotte, bewegst Du Dich eigentlich durch Zeit und Raum?

MOMO am 26.1.09 00:47, kommentieren

Folge 13: Augen zu!

Lieber Momo,

ey, kannste Telepathie oder was?

Denn genau über die Frage mit dem Sofakissen hab ich erst die letzten drei Tage nachgedacht. Prinzipiell hab ich ja auch nix anderes zu tun. Als alte Frau, die mit der Realität auf Kriegsfuß steht, ist das Leben immer woanders und spielt da draußen ohne mich.

Aber, um deine Frage zu beantworten, was ich dann sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue: definitiv das Falsche!

Denn – durch die geniale Idee eines Freundes, der hier beim Radio SCHAFFT, wie die Schwaben so sagen, bin ich aufm Trip, mir die Wahlheimat ins Wohnzimmer zu holen. Ein HOCH auf die vernetzte Welt des Internet! Denn seit neuestem höre ich hier nur noch Radio EINS mit mittenbetonter Berichterstattung aus B an der Spree. Also Vorsicht, ich hör genau, was bei euch abgeht, Großstädter!

Und das ist dann irgendwie – komisch und befördert meine mir eigene physische Schizophrenie. Meine Ohren sind nämlich woanders als meine Augen.

Denn Hören knipst ja bekanntlich die Bilder im Kopf an. Und klick,klick,klick steh ich vor den Sophiensaelen, unter der Weltzeituhr oder fahre am Pergamon vorbei. Und dann muss ich mir kurz die Augen zuhalten, um nicht zu sehen, dass da draußen alles ganz anders ist...

Dass da ein Neubaugebiet blitzt, in dem alle Häuser hamsterkäfig-gleich aussehen. Ganz mal zu schweigen von den absolut identischen Inneneinrichtungen. Den Küchen mit den überdimensionierten Holztischen, an denen die lieben Ökofaschismusfamilien allabendlichen Biosalatgenüssen frönen. Oder die berühmtberüchtigten Intellektuellensofas in ROT, wahlweise vor einem naturbelassenen oder weißen Holzregal, das bis zur Decke mit Büchern angefüllt ist, die nie gelesen wurden, aber nach Bildung riechen.

Ganz ehrlich, aber da mach ich auf meinem Sofakissen (aus rotem Intellektuellensamt vor meinem wandhohen, naturbelassenen Bücherregal) lieber die Augen ganz schnell wieder zu. Und höre. Höre mich stattdessen hinein in die Stadt.

Deswegen meine Frage: was hörst du, Momo, wenn du das Fenster aufmachst?

1 Kommentar MOMO am 18.1.09 14:22, kommentieren

Folge 12: Realität war gestern

Realität, liebe Charlotte? Die lass beim Bloggen bitte außen vor. Hier bei LOCOPHOBIA ist die Welt glücklicherweise noch künstlich, rundweg erfunden und zu unserem und dem Gefallen der Leser gemacht. Wofür haben wir denn das Web 2.0? Um dort den gleichen Trübsinn zu blasen wie im Alltag? Niemals! Wenn es draußen regnet, lasse ich in meiner Kolumne die Sonne scheinen. Geht es der Wirtschaft endlich besser, muss sie in meiner virtuellen Welt erst recht so richtig schrumpfen. Und sollten gerade wieder einmal pseudo-demokratische Wahlen sein, ernenne ich hier einen gefälschten König. Eine großartige Erfindung das Internet, meinst Du nicht?

Realität kann einem da doch gut und gerne gestohlen bleiben, frag am besten mal Andi und Jahn. So klasse wie im Gastautorenporträt bei „Über uns“ sehen die beiden in Wirklichkeit natürlich nicht aus, für unser Blog dagegen durften sie sich nach Lust und Laune neu erfinden. Zum gut aussehen, erfolgreich sein und glücklich wirken haben wir schließlich das Netz, und etwas Spaß muss sein. Und was unsere Wohnproblematik angeht, können wir uns doch auch nur über den Realitätsverlust freuen: Wenn mir Berlin zum Hals raushängt, maile ich mich als Dateianhang aufs Land. Und Du, Du skypest Dich für einen Abend mal eben in die Hauptstadt.

Spätestens wenn das Web 3.0 kommt, wird Realität wahrscheinlich sowieso völlig abgeschafft: Kann sich keiner mehr leisten, und Spaß hat sie ja eh nie gemacht. Ich hoffe, das beantwortet Deine Frage, wenn nicht, kann ich auich nichts dafür. Da ich nicht real bin, musst Du Dich wohl woanders beschweren. Vorher beantworte mir aber noch folgende Frage: Was siehst Du eigentlich, wenn Du aufs Sofakissen gestützt am Fenster hängst?

1 Kommentar MOMO am 12.1.09 01:04, kommentieren

Folge 11: Kotzen oder Kontern?

Lieber Momo, Andreas und Jahn,

ich habs geschafft. Gerade eben erst hat mich der 220-km-schneller-geht’s-nicht-Zug im Höllentempo ausgespuckt. Und schwupps, bin ich wieder in meiner schwäbischen Wahlheimat. Diesmal ohne Schwaben, weil die wohl noch zu Besuch in Berlin sein müssen (mal so richtig einen drauf machen über die Feiertage, ne?!). Und was mit heute morgen noch als unlösbar, unmöglich, unverantwortlich schien – ich hatte gewettet, ob ich mich schon vor Köln oder erst nach Köln auf meinen Sitznachbarn erbrechen würde – jetzt ist es geschafft.

Ich hab übrigens nicht gekotzt. Nicht vor Köln, auch nicht nach Köln. Mir ist nur noch ein bisschen schlecht von der Schwäbsche Eisebahne, die sich in Wahrheit auf die Schienen legen muss, um die Voralbberge zu schaffen. Wir können alles, außer Züge. Ich bin auch nicht in Ohnmacht gefallen, als sich diverse Reisende über mich stapelten, weil die Bahn wieder vergessen hatte, dass nur eine begrenzte Anzahl Mitreisender in ihre Züge passt. Die sind da ja eher sozial veranlagt. Halten überall an, machen die Türen auf und rufen: kommt alle rein – klar ist hier noch Platz!

Ich hab mich auch nicht beschwert, als der Wagen, in dem ich reserviert hatte, gar nicht angehangen war. Die Putzkolonne im Stellwerk hatte vergessen, in dem Wagen die Aschenbecher zu leeren, so erklärte mir der Zugchef. Und mit vollen Aschenbechern...nee. Nein, auch da habe ich mich nicht aufgeregt. Auch nicht über die Schaffnerin mit ihrem süffisanten Oberlehrergehabe, nicht über die Reisenden, die mit ihren Beinen, Füßen und Koffern einen Hindernisparcours aus den Schlauchgängen gestalteten. Und sich anschließend noch über jede Oma, die den Parcours nicht in vorgegebener Zeit absolvieren konnte, lautstark mokierten. Nein. Ich habe mich NICHT aufgeregt.

Denn nachdem ich alle meine Festtagspläne, Zwischen-den-Jahren-Heimelichkeit, Sylvesterträume von Liebe begraben und selbst mein Spiegelbild, aus dem mich zur Zeit das Lächeln einer Anorexiekranken nach dem dritten Selbstmordversuch angrinst, nicht mehr mag, habe ich mir zumindest für den Rest des Jahres eines ertrotzt: Ruhe und Gelassenheit. Was immer auch kommt. Ab jetzt: Ruhe und Gelassenheit, Ruhe und Gelassenheit, Ruhe und Gelassenheit….Ruhe…Gelassenheit. Selbst in der Provinz.

Denn was bringt es schon? Wieder auf dieselben Hackfressen und ihre scheiß-beengten Horizonte zu schimpfen, die Blicke der biofaschistischen Idioten, wissensumnachteten Angeber und strohgehaltvollen Großmäuler mit voller Wut zurückzuschleudern, der eigenen Aggression Luft zu verschaffen und das wieder und wieder?

Antwort: Man fühlt sich einfach besser. Basta.

Aber mal was ganz anderes, Momo. Wie viel Realität passt in einen Blogg und wie sehen eigentlich Andreas und Jahn aus?

1 Kommentar CHARLOTTE am 4.1.09 21:59, kommentieren