LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 10, zweiter Teil: Schmeißecken im Erzgebirge

Wenn ich Charlotte wäre, würde ich mir freie Zeit ertrotzen. In allen Belangen. Zeit, alleine durch die Straßen zu laufen, ohne dabei Kinderwagen ausweichen zu müssen. Überhaupt, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Zeit, meiner Arbeit den Rücken zu kehren, einfach mal drauf zu scheißen. Zeit, mal niemanden um mich zu haben, nur mich. Dann könnte ich Dinge tun, die ich jahrelang bis nie getan habe. Schmeißecken eliminieren zum Beispiel. Es soll ja Leute geben, die diese im Griff haben. Ich nicht! Ich könnte auch mal Sachen ordnen. Briefe und Rechnungen zum Beispiel. Scheint heute wieder sehr in Mode zu sein. Oder alte Videokassetten. Oder ich logge mich in allen mir bekannten und noch unbekannten Foren ein und verhalte mich konträr zur herrschenden „Netiquette“. Ich schreibe meine Beiträge einfach ohne ein einziges Mal die „Shift“-Taste zu verwenden und setze die dann in nicht passende Threats. Wie groß wäre die Aufregung, wenn ich als Neuling in einem Literaturforum in der Rubrik „Gerade gekaufte Bücher“ einfach mal klein rein schreibe, wie sehr mir die zuletzt gelesenen bücher (natürlich plus titel und autor) gefallen haben.

Doch irgendwie erscheint mir das zu einfach. Da kann ich ja gleich Tokio Hotel verarschen. Von wegen leichtes Opfer und das. Hihi. Also setze ich mich in den Zug und fahre irgendwo hin. Ins Erzgebirge vielleicht. Dorthin, wo es Schnee gibt. Wo in der warmen Stube Menschen sitzen, die dem urbanen Trubel nicht verfallen sind. Ins Weihnachtsland eben. Weiß blitzen die Tannen. Die geeisten Ränder des Waldbaches breche ich ab und lutsche sie nass. So, dass mein Atem nicht mehr zu sehen ist. Eins mit der Natur? Irgendwie zu piefig, nee! Trotzdem schön. Doch wem erzähle ich davon? Ist ja niemand da in Berlin. Ich habe mir freie Zeit ertrotzt. Also wieder zurück, an allen Türen geklingelt. Irgendwie kann ich doch nicht ohne euch, auch wenn ich euch alle manchmal hasse, mit euren Ansichten, Kindern und Lobhuddeleien auf den so charmant ostigen Prenzlauer Berg, eurer schieren Präsenz. Mein Freund meinte heute, dass es nun auch mal gut ist, mit den verlassenen Straßen und bitteschön alle von ihren Eltern aus Süddeutschland zurückkehren dürfen, damit alles wieder etwas belebter wirkt. Nun ja, Briefe ordnen kann ich wohl auch, wenn ich tot bin, habe ich mir so gedacht, dabei an einem Eiszapfen gelutscht und mich gefragt, ob irgend jemand überhaupt bemerkt, dass mein Atem nicht zu sehen ist.

1 Kommentar JAHN BORN am 3.1.09 10:44, kommentieren

Folge 10, erster Teil: Von Menschen und Katzen

Hallo Charlotte, hallo Momo.
Ertrotzen klingt so passiv. Bleibt meinetwegen passiv und lasst andere für eure Abwesenheit zu Weihnachten schuften: die Arbeit! Das Totschlagargument. Für die erste Nachkriegsgeneration ist das das High-End der Fresskette. Da nützt auch das dekadenlange Tränenvergießenüben mütterlicherseits (bitte, wer, wenn nicht sie, ist auf diesen Moment bestens vorbereitet) nichts. Da nimmt man gerne in Kauf, wie mir geschehen, dass in der inzwischen sinnfreien Weihnachtspost solch Zeilen stehen wie „auf ein baldiges Wiedersehen!“. Ich hatte nur noch nicht Gelegenheit davon Kunde zu tun, dass ich meine festgelegte maximale Anwesenheitsdauer im Heimatort von seinerzeit 48 auf 24 minus x Stunden korrigiert habe.

Der freakige Typ von der Behmbrücke im Prenzlauer Berg während der Neujahrsnacht sollte auch mal korrigiert werden. Was sein soziales Umfeld, Zeitdauer der öffentlichen Zurschaustellung und einiges andere betrifft. Nur kurz: Während sich Freunde und Bekannte glücklich und beschwippst umarmten und an einfachsten Illuminationen ihre Freude hatten, zog er in eigenwilliger Kostümierung mit freigelegten Nippeln in die rauchige Brückenmitte, posierte für seine begeisterungsfähigen, frisch pubertierenden Prekariatsfreunde und feuerte lustig aus der Hand geschossene Raketen Richtung vorbeifahrender Autos. Dass die Geschosse in der Menge auf der gegenüberliegenden Seite landeten, ärgerte uns arg und bewog uns zum Ortwechsel. Gesagt haben wir trotzdem nichts. Wahrscheinlich wegen der Aussichtslosigkeit. Nimm so jemandem mal die 50€ schwere Böllertüte weg und versenk die mit seinen sieben frischen Katzenjungen.

So ihr beiden, auch wenn es bis hier hin spektakulär wirkte: Nein, denn zwischen Weihnachten und dem mittlerweile 3.1.09 hat es mich ordentlich bei 39,5°C und diversen Nebenwirkungen bei der Stange bzw. im Bett gehalten. Wäre ich mal Weihnachten zu Eltern gefahren. Stattdessen habe ich mich von meinem Freund pflegen, bewirten und küssen lassen. Und da wir uns jetzt so langsam in der kleinen Wohnung ein wenig auf die Eier gehen, muss ich morgen den Hort der Geborgenheit für etwas mehr als 24 Stunden verlassen und darf versuchen, meine durch zahlreiche Außenwände und fehlende Nachbarn ausgewiesene Wohnung mit meinem hübschen Kachelofen wenigstens etwas über 14° zu heizen.
Da hab ich dann eine Frage für euch: Was tun, wenn ein elementares Stück des Lebens, das im Normalfall verfügbar ist, wegbricht?

Einen lieben Gruß vom Krankenbett ans Kankenbett!
Andreas

1 Kommentar ANDREAS TÖLLE am 3.1.09 10:40, kommentieren

Folge 10:+++KOMMT BALD+++KOMMT BALD+++KOMMT BALD+++KOMMT BA

Liebe Leser,

leider liegt Charlotte krank darnieder, kann keinen Tippfinger rühren - und zum Diktieren reicht die Stimme nicht. Bitte habt etwas Geduld, der nächste Beitrag kommt bestimmt!

 

01.01.09

Manchmal kann auch eine Erkältung katastrophale Ausmaße annnehmen, Charlotte fällt daher für ein paar Tage länger aus. Als Gastautoren, der natürlich wesentlich mehr ist als ein Lückenfüller, konnten wir kurzfristig Andreas Tölle aka DJ Das schwarze Quadrat gewinnen, seinen Beitrag seht Ihr in Kürze hier.

1 Kommentar MOMO am 30.12.08 22:31, kommentieren

Folge 9: Stresspickel und Tannenflucht

Naja, Charlotte, wenn Du mit „Festtagsblues“ meinst, dass mir das näher rückende Weihnachtsfest Jahr für Jahr Stresspickel beschert: Aber sicher. Irgendwo wird jedes Mal ein blanker Nerv berührt. Das fängt noch nicht an, wenn die Weihnachtssüßigkeiten in die Supermärkte kommen, denn Lebkucken esse ich auch immer Sommer gern. Aber irgendwann, Ende November, steigt die Anspannung. Denn der Tag, an dem jemand die Frage stellt, mit der ich mich unterbewusst schon die ganze Zeit beschäftige, kommt unausweichlich: „Fährst Du Weihnachten eigentlich nach Hause?“ Und ja, verdammt, natürlich fahre ich Weihnachten nach Hause, auch dieses Jahr, um zum 36. Mal in Folge und ohne Unterbrechung mit meinen Eltern im Münsterland unter der Tanne zu sitzen.

Sicher, auf eine Art ist sie ja auch schön, diese Tradition mit Baum und Bescherung. Nur in der scheinbar endlosen, unausweichlichen, nicht in Frage zu stellenden Wiederholung liegt etwas, das tierisch nervt. Und offensichtlich nicht nur mich, denn auch dieses Jahr verweigern sich zwei weitere meiner Freunde zum ersten Mal der obligatorischen Reise zu den Eltern: Demonstrativ, als Unabhängigkeitserklärung, vorgetragen mit Stolz in der Stimme. Das geht nicht spurlos an mir vorüber. Ich frage mich dann, ob ich zu schwach bin, die Entscheidung für mich zu fällen, die weinende Mutter in Kauf zu nehmen, um dem eigenen Kopf zu folgen.

Im manchmal nahezu unerträglichen Ringen zwischen Ja und Nein habe ich den Zwischenweg gewählt: Ich modifiziere das Weihnachtsfest nach meinen Vorstellungen. Weihnachtsmusik wurde bei uns schon vor längerem abgeschafft, obwohl meine Mutter sie so liebt. Als nächstes kam dazu, dass nicht nur meine Eltern kochen, sondern an einem der Weihnachtstage auch ich. Und das Neuste in diesem Jahr: Das Schenken wird eingestellt. Am Telefon haben wir besprochen, dass wir uns auf Erwachsenenniveau treffen, miteinander eine gute Zeit verbringen, und das für Geschenke gesparte Geld vielleicht für gemeinsames Ausgehen verwenden wollen. Punkt. Schöne Bescherung trifft es dieses Mal also hoffentlich wirklich.

Zugegeben: 100%ig wohl fühle ich mich trotzdem nicht, denn das verspätete pubertäre Loslösen verschiebe ich wieder um ein Jahr. Um meinen Stand mit einen weiteren Teilsieg zu verbessern, habe ich mir deshalb noch etwas ertrotzt: Ich reise schon am 26. ab, um abends in Berlin mit Freunden zu essen. Aber damit bin ich für dieses Jahr am Limit. Was, liebe Charlotte, ertrotzt Du Dir denn so zum Fest?

1 Kommentar MOMO am 22.12.08 00:13, kommentieren

Folge 8: Schneetaumel


Lieber Momo,

igitt, falsche Frage, die macht so unglücklich. Denn wo genau fängt Prostitution - also, ich meine jetzt nicht die sexuelle, sondern das Verraten der eigenen Ideale, an? Richtige Antwort auf diese Frage wäre dann wohl: in nahezu allen Jobs.

Im Moment aber bin ich ganz glücklich. Im Schneetaumel, irgendwie. Denn, und ich geb es ja ungern zu: Winter ist in der Provinz so viel schöner als in einer dreckigen, grauen Großstadt. Hier bleibt der Schnee weiß und na gut, die Straßen aalglatt, weil die Infrastruktur vergaß, den Fußgängerweg zu räumen.

Aber dafür brechen hier auch nicht alle bei der ersten Schneeflocke in totale Panik aus. Im Gegenteil. Zum ersten Mal werden Verspätungen von drei Stunden vom Chef achselzuckend toleriert und beim Eintreten ins Büro bekommst du sofort einen heißen Tee ausgeschenkt. Ist das Service?!

Aber: der Schnee und die schlechtgeräumten Straßen haben auch eine andere Seite: Fahrradfahren ist gerad nicht mehr drin. Zumindest habe ich es mir abgewöhnt, nachdem es mich jetzt bereits drei Mal auf mein Mundwerk gehauen hat, und ich mir doch langsam Sorgen um meine hübschen langen Beine und das Sylvesterfest mache. Mit so viel blauen Flecken sind die schließlich nicht sylvesterparty-fähig.

So nehm ich also neuerdings den Bus. Und das ist mal echt ne Katastrophe. Bin ich früher einfach nur aus dem dritten Stockwerk meines Berliner Wohnhauses gekullert, zur nächsten U-/S-/Tramstation geschlafwandelt - denn irgendwie fährt da was schon, und wenn nicht sofort, dann doch in spätestens fünf Minuten - muss ich hier hingegen verflixt minutiös vorplanen. Trotzdem habe ich die ersten drei Tage alle Busse voll verpasst. Bis ich dann gemerkt habe: Mädchen, du dummes Ding, da du an einer Endhaltestelle wohnst, musst du immer fünf Minuten früher da sein, denn die Busse versuchen hier die Fahrzeit aufzuholen, die sie später in der Stadt zu spät sein werden…

Ganz schwierig wird es dann, wenn man versucht, Anschlüsse zu bekommen. Innerhalb der Stadt den Bus zu wechseln, ist: keine gute Idee. Wenn du es dann doch einmal schaffst, reibungslos am Ziel anzukommen, herzlichen Glückwunsch – aber, denk dran: du musst auch noch irgendwie wieder nach Hause kommen...

Momo, mal was ganz anderes: hast du eigentlich den Festtags-Blues?


CHARLOTTE am 15.12.08 11:26, kommentieren

Folge 7: Tokyo Hotel in Kitteln von Kaisers

Vorstellen, liebe Charlotte, kann ich mir wirklich Alles. Sogar die Szene, dass ich demnächst vorm Kaisers der bettelnden Reinkarnation Adolf Hitlers begegne und ihr die 5 Reichspfennig in die leere Mütze werfe, die ich neulich im Berliner Forst gefunden habe. Aber das sind Tag-Alpträume, ich kann mir was Schöneres vorstellen. Wie zum Beispiel... Halt, bevor ich jetzt drauflos schwärme und fantasiere, möchte ich lieber auch eine Beobachtung zum Thema Outfit beitragen.

In Berlin ist nämlich ausgerechnet der Rentner-Supermarkt Kaisers progressiv vorgeprescht und hat seine tägliche Öffnungszeit bis Mitternacht erweitert. Seitdem regiert in den Abendstunden, wenn die freundlichen alten Damen, die tagsüber in stoischer Zeitlupe die Waren über den Scanner bitten, nach Hause entlassen sind, an den Kassen der Fashion-Punk. Wenn sich die Nacht auf die Hauptstadt senkt, werden die Märkte mit dem rot-weißen Kaffeekannen-Logo Horden Jugendlicher mit Apokalypse-Outfit überlassen, die ihre individuellen Lebensfreudeausdrucksformen auf anscheinend sehr konventionelle Weise finanzieren. Der Irokesenschnitt – klassisch bunt oder als bravere Backham-Variante – taucht dabei ebenso häufig auf wie absurdeste Tokyo-Hotel-Nachbauten. Die Klamotten rangieren dazu passend von Leopardenmusterhosen über Military-Look bis hin zu von japanischem Fetisch inspirierten Zellophan-Röckchen. Abgerundet wird das Ganze durch teilweise groteske Kunstfingernagelmodellagen, Totenkopf-Schmuck und möglichst sowohl den Betrachter als auch den Träger störend platzierte Piercings.

Da über all dem jedoch der blütenweiße Verkäufer-Kittel mit roten Bordüren getragen werden muss, wird man, kurz bevor man um Hilfe ruft, daran erinnert, dass man ja glücklicherweise doch nur bei Kaisers ist. Also gut aufgehoben, bei Freunden, in Sicherheit. Und eines muss ich einfach zugeben: Trotz bedrohlicher Outfits und Kriegsschmuck sind sie immer freundlich, die Kaisers-Kiddies – vielleicht sogar freundlicher als die von Jahrzehnten an der Kasse schon etwas zu abgestumpften Großmütter. In welchen Jobs, Charlotte, hast Du Dich um des lieben Geldes Willen eigentlich schon prostituiert?

1 Kommentar MOMO am 8.12.08 01:46, kommentieren

Folge 6: Frisur für alle Fälle

Lieber Momo,

ich begreife mich, was Pläne angeht, ja immer ganz gerne als Opfer. Ich geh morgens in friedfertiger Absicht los und komm am Abend verprügelt heim. Und frag mich dann, was um alles in der Welt ich wieder verbrochen habe. Verstehst du? Aber das wäre mal ein Thema für einen schönen Jammerblog, so für kurz vor Heiligabend (den ich dieses Jahr EINSAM und ALLEINE verbringen muss, ohGottohGott).

Also lieber noch ein bisschen was Witziges bevor der Weihnachtsblues einsetzt:
meine vielseitigen Talente und die andauernde Wirtschaftskrise in meinem Sparschwein (zum Konto bei der Bank langt das Ersparte leider nie) führen mich ja oft in die witzigsten Situationen hinein. So zum Beispiel die letzten Tage raus aus der schwäbischen Provinz rein in die bayerische Konkurrenz.
Ich habe schnell festgestellt: so viel Unterschied ist da nicht! Pietät herrscht überall, und auch der Spießbürger bleibt, was er am besten kann: spießig.
Sieht man also mal von den Mentalitätsdifferenzen ab - die Schwaben können alles, außer höflich (sein) – änderten sich schwäbische Hügel zu alpinem Vorgebirge, sonst blieb alles anders, nein, eher, mir auf gleiche Art und Weise fremd.
Was mich total enttäuschte. Denn in meinem jugendlichen Leichtsinn hatte ich gehofft, meine Provinz sei einzigartig, unverwechselbar, urig. Vergiss es, meen Lieba! Ein Blick aufs Stadtbild genügte – ich werds dir mal am Beispiel der Frisureneinheit erläutern: offenbar gibt es in Schwaben wie in Bayern einen etablierten Einheitsschnitt. Oder wie sollte ich mir sonst erklären, dass hier jeder die gleiche Frisur trägt? Denn das jedes Kaff nur über einen Friseur verfügt, nee, das kann ja nicht sein.
Egal wie. Die Beobachtung ergab: schwäbische wie bayerische Damen tragen würdevoll-elegant den Einheits-Topfponyverschnitt – du weißt schon: die Version, die unsere Mütter uns mit 5 Jahren in den guten alten 80igern seriell mit dem Milchtopf verpassten. Schnipschnapp, ab.
Und die Herrn?
Da war wenigstens ein Generationsunterschied auszumachen: in jungen Jahren trägt der Buar` und Bursch` einheitlich die Möchtegernvokuhila. Gern auch mal mit Strähnchen (igitt). Mit zunehmender Reife wandelt sich das jugendliche Antlitz dann zum Modell Jagdpächterkahlfraß um. Das ist die nur noch millimeterhoch stehende Abrasierkonstruktion, die Frisur für alle Fälle.
Nicht zu vergessen: all diese, äh, Schnitte? Konstrukte? stammen selbstverständlich aus der Stillos-Schublade und klar, es muss dazu auch den Gewollt-aber-nicht-gekonnt-Sonderrabatt des hiesigen Barbiers gegeben haben.

Muss ich dazu noch ein „Autsch“ fügen, oder kannst du dir das auch so vorstellen?

2 Kommentare CHARLOTTE am 1.12.08 11:31, kommentieren

Folge 5: Flaggen und Straßen erobern

Nein, Charlotte, beim Brötchenkauf in Berlin kannst Du es immer genau so unpersönlich haben, wie Du es gerade brauchst. Die liebenswerte Bäckersfrau kommt Dir zu freundlich? Dann geht der auf Anonymität bedachte Großstädter eben zum Backshop auf der anderen Straßenseite. Soziale Grenzerfahrungen mache ich eher bei anderen Gelegenheiten. Beispiel gefällig? Über einen speziellen Emailverteiler wurde neulich ein Freund zum Computerzockern wie ihm wohlbekannten „Capture the flag“-Spielen aufgerufen. Übertragen auf reale Bedingungen mit Spielern aus Fleisch und Blut, die in den Straßen der Metropole der gegnerischen Flagge hinterher jagen.

Obwohl ich geplant hatte, einkaufen zu gehen, bin ich mit ihm und zwei seiner Kumpels zum Treffpunkt Friedrichstraße geradelt. Hier, auf der glitzernden Shoppingmeile, hatte sich bereits ein Pulk um einen Menschen mit geschultertem Megafon versammelt. Der verteilte gegen einen kleinen Unkostenbeitrag Spielfeldpläne und verschiedenfarbige Knicklicht-Armbänder, mit denen sich die gegnerischen Gruppen kennzeichnen mussten, und erklärte die Regeln.

Ich habe lieber die gebannt zuhörenden Leute studiert und mich gefragt, was die wohl im Alltag treiben. Der Großteil kam meiner Einschätzung nach aus dem studentischen Milieu, dürfte eher Philosophie studieren als Jura und tendenziell politisch aktiv sein. Ja, genau, politisch, denn – so wurde ich belehrt – die Spiel-Aktion sei auch im Sinne der Bewegung „Reclaim the streets“ zu begreifen, also als Rückeroberung öffentlichen Raums für alle.

Lass mich zusammenfassen: Ich will eigentlich einkaufen, entscheide mich kurzfristig für ein Straßenspiel mit ökobewussten Computerkids – und werde am Ende auch noch Teil einer politischen Aktion. Wenn Du mich fragst: Sozialumfeld satt. Aber mal ehrlich, Charlotte, bist Du auch so leicht von Plänen abzubringen?

1 Kommentar MOMO am 24.11.08 00:16, kommentieren

Folge 4: Montagmorgens-Schmerzgrenzen

Lieber Momo,

Aggressionen hab ich ja ständig. Auf alles. Und jeden. Und die halten mich ja auch am Laufen. Irgendwie. Aber das ist mehr als nur ein Blogthema.
Gehen wir also nochmal zurück zu den Schmerzgrenzen. Da hab ich nämlich eine niedrige Toleranzgrenze. Folgende Story:

Morgens, halb zehn in Deutschland. Begebe mich auf die Jagd nach dem ersten Frühstückchen des Tages. Und das muss ich der Provinz lassen: dreimal wöchentlich auf einem Markt in historischer Kulisse Gemüse - frisch gerupft aus Nachbars Garten - jagen und erlegen zu können, ist schon was echt Feines.

Aber nur, wenn es dann jeweils bei „zwei Bananen bitte-macht 70 Cent-danke“-Kommunikation bleiben würde. Tut es aber nicht. Nie. Diesmal auch nicht.

Und so kommt, noch vor dem „70 Cent bitte“ ein „Sieht man sich auf dem Adventsmarkt am Sonntag?“. Ich nur: „Äh?“

Denn, bitte! Kannst du sowas vor 10 Uhr (!!) - den inneren Wecker noch im Halbschlaf-Modus und das Schild „Bitte nicht ansprechen“ noch um den Hals tragend - von einem dir völlig unbekannten Gegenüber ertragen? Und das auch noch auf nüchternem Magen?

Ich nicke also völlig verständnislos. Adventsmarkt? Ich will doch bloß die Bananen. Ohne Sozialanhang. Also tut mir die Obstverkäuferin das "Zettele in die Tüte nei`, gell?" Ähm, ja.

Als ich aber lese, dass auf dem Adventsmarkt Krippenschnitzer Helmut Hampel (ha!) das Programm abrunden wird, gibt es für mich an diesem Montagmorgen kein Halten mehr.

Bekommst du mit deinen Brötchen auch immer ein neues Sozialumfeld mitgeliefert?

1 Kommentar CHARLOTTE am 17.11.08 11:41, kommentieren

Folge 3: Individuelle Schmerzgrenzen


Tipps, liebe Charlotte, sind leider so gar nicht meine Stärke. Schon gar nicht Beziehungstipps. Aber warum sollte ich mich auch einmischen? In der Regel verbrennt man sich eh nur die Finger, und danken tut es einem hinterher keiner. Mach also was Du für richtig hältst und pass nur auf, dass die Dorfgemeinschaft nicht zur Hexenverfolgung bläst, weil ehrbare männliche Bürger deinetwegen Verstand und Ansehen verlieren.

Im anonymen Hauptstadtgetümmel beobachtet man ja meistens das Gegenteilige Phänomen: Hier verhalten sich die Leute betont ungezwungen, ohne dass ihnen jemand deswegen an den Kragen will. In Hauseingänge pinkeln? Klar. In der Öffentlichkeit dicke Zigaretten rauchen? Na logo. Vor aller Augen Staats- oder Privateigentum demolieren oder entwenden? Warum nicht. Nur eine Sache wird immer weniger geduldet: Fahrrad ohne Licht zu fahren. Ja, bei so schwerwiegenden Vergehen fangen auch die Hauptstädter an, sich aufzuregen. Da wird lautstark protestiert, mit den Fäusten gedroht und von Terrorismus schwadroniert. Terrorismus! Naja, es gibt halt sehr indivuduelle Schmerzgrenze. Ich persönlich komme nicht mehr ganz mit, wenn ich Sonntags auf die Straße gehe – und überall liegen Scherben: In unserer Toreinfahrt, die regelmäßig mit Bierflaschen bombardiert wird, aber auch auf den Bürgersteigen, wo wieder einmal mehrere der Tramhaltestellen- und Telefonzellenscheiben der wochenendlichen Randalierwut zum Opfer gefallen sind. Also, Aggressionen habe ich auch, aber meistens finde ich andere Wege, sie abzureagieren. Welche das sind, verrate ich ir ein andermal. Verrate Du mir lieber Charlotte: Bei welcher Gelegenheit platzt Dir der Kragen?

2 Kommentare MOMO am 9.11.08 20:07, kommentieren