LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 7: Tokyo Hotel in Kitteln von Kaisers

Vorstellen, liebe Charlotte, kann ich mir wirklich Alles. Sogar die Szene, dass ich demnächst vorm Kaisers der bettelnden Reinkarnation Adolf Hitlers begegne und ihr die 5 Reichspfennig in die leere Mütze werfe, die ich neulich im Berliner Forst gefunden habe. Aber das sind Tag-Alpträume, ich kann mir was Schöneres vorstellen. Wie zum Beispiel... Halt, bevor ich jetzt drauflos schwärme und fantasiere, möchte ich lieber auch eine Beobachtung zum Thema Outfit beitragen.

In Berlin ist nämlich ausgerechnet der Rentner-Supermarkt Kaisers progressiv vorgeprescht und hat seine tägliche Öffnungszeit bis Mitternacht erweitert. Seitdem regiert in den Abendstunden, wenn die freundlichen alten Damen, die tagsüber in stoischer Zeitlupe die Waren über den Scanner bitten, nach Hause entlassen sind, an den Kassen der Fashion-Punk. Wenn sich die Nacht auf die Hauptstadt senkt, werden die Märkte mit dem rot-weißen Kaffeekannen-Logo Horden Jugendlicher mit Apokalypse-Outfit überlassen, die ihre individuellen Lebensfreudeausdrucksformen auf anscheinend sehr konventionelle Weise finanzieren. Der Irokesenschnitt – klassisch bunt oder als bravere Backham-Variante – taucht dabei ebenso häufig auf wie absurdeste Tokyo-Hotel-Nachbauten. Die Klamotten rangieren dazu passend von Leopardenmusterhosen über Military-Look bis hin zu von japanischem Fetisch inspirierten Zellophan-Röckchen. Abgerundet wird das Ganze durch teilweise groteske Kunstfingernagelmodellagen, Totenkopf-Schmuck und möglichst sowohl den Betrachter als auch den Träger störend platzierte Piercings.

Da über all dem jedoch der blütenweiße Verkäufer-Kittel mit roten Bordüren getragen werden muss, wird man, kurz bevor man um Hilfe ruft, daran erinnert, dass man ja glücklicherweise doch nur bei Kaisers ist. Also gut aufgehoben, bei Freunden, in Sicherheit. Und eines muss ich einfach zugeben: Trotz bedrohlicher Outfits und Kriegsschmuck sind sie immer freundlich, die Kaisers-Kiddies – vielleicht sogar freundlicher als die von Jahrzehnten an der Kasse schon etwas zu abgestumpften Großmütter. In welchen Jobs, Charlotte, hast Du Dich um des lieben Geldes Willen eigentlich schon prostituiert?

MOMO am 8.12.08 01:46

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