LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 9: Stresspickel und Tannenflucht

Naja, Charlotte, wenn Du mit „Festtagsblues“ meinst, dass mir das näher rückende Weihnachtsfest Jahr für Jahr Stresspickel beschert: Aber sicher. Irgendwo wird jedes Mal ein blanker Nerv berührt. Das fängt noch nicht an, wenn die Weihnachtssüßigkeiten in die Supermärkte kommen, denn Lebkucken esse ich auch immer Sommer gern. Aber irgendwann, Ende November, steigt die Anspannung. Denn der Tag, an dem jemand die Frage stellt, mit der ich mich unterbewusst schon die ganze Zeit beschäftige, kommt unausweichlich: „Fährst Du Weihnachten eigentlich nach Hause?“ Und ja, verdammt, natürlich fahre ich Weihnachten nach Hause, auch dieses Jahr, um zum 36. Mal in Folge und ohne Unterbrechung mit meinen Eltern im Münsterland unter der Tanne zu sitzen.

Sicher, auf eine Art ist sie ja auch schön, diese Tradition mit Baum und Bescherung. Nur in der scheinbar endlosen, unausweichlichen, nicht in Frage zu stellenden Wiederholung liegt etwas, das tierisch nervt. Und offensichtlich nicht nur mich, denn auch dieses Jahr verweigern sich zwei weitere meiner Freunde zum ersten Mal der obligatorischen Reise zu den Eltern: Demonstrativ, als Unabhängigkeitserklärung, vorgetragen mit Stolz in der Stimme. Das geht nicht spurlos an mir vorüber. Ich frage mich dann, ob ich zu schwach bin, die Entscheidung für mich zu fällen, die weinende Mutter in Kauf zu nehmen, um dem eigenen Kopf zu folgen.

Im manchmal nahezu unerträglichen Ringen zwischen Ja und Nein habe ich den Zwischenweg gewählt: Ich modifiziere das Weihnachtsfest nach meinen Vorstellungen. Weihnachtsmusik wurde bei uns schon vor längerem abgeschafft, obwohl meine Mutter sie so liebt. Als nächstes kam dazu, dass nicht nur meine Eltern kochen, sondern an einem der Weihnachtstage auch ich. Und das Neuste in diesem Jahr: Das Schenken wird eingestellt. Am Telefon haben wir besprochen, dass wir uns auf Erwachsenenniveau treffen, miteinander eine gute Zeit verbringen, und das für Geschenke gesparte Geld vielleicht für gemeinsames Ausgehen verwenden wollen. Punkt. Schöne Bescherung trifft es dieses Mal also hoffentlich wirklich.

Zugegeben: 100%ig wohl fühle ich mich trotzdem nicht, denn das verspätete pubertäre Loslösen verschiebe ich wieder um ein Jahr. Um meinen Stand mit einen weiteren Teilsieg zu verbessern, habe ich mir deshalb noch etwas ertrotzt: Ich reise schon am 26. ab, um abends in Berlin mit Freunden zu essen. Aber damit bin ich für dieses Jahr am Limit. Was, liebe Charlotte, ertrotzt Du Dir denn so zum Fest?

MOMO am 22.12.08 00:13

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