LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 10, zweiter Teil: Schmeißecken im Erzgebirge

Wenn ich Charlotte wäre, würde ich mir freie Zeit ertrotzen. In allen Belangen. Zeit, alleine durch die Straßen zu laufen, ohne dabei Kinderwagen ausweichen zu müssen. Überhaupt, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Zeit, meiner Arbeit den Rücken zu kehren, einfach mal drauf zu scheißen. Zeit, mal niemanden um mich zu haben, nur mich. Dann könnte ich Dinge tun, die ich jahrelang bis nie getan habe. Schmeißecken eliminieren zum Beispiel. Es soll ja Leute geben, die diese im Griff haben. Ich nicht! Ich könnte auch mal Sachen ordnen. Briefe und Rechnungen zum Beispiel. Scheint heute wieder sehr in Mode zu sein. Oder alte Videokassetten. Oder ich logge mich in allen mir bekannten und noch unbekannten Foren ein und verhalte mich konträr zur herrschenden „Netiquette“. Ich schreibe meine Beiträge einfach ohne ein einziges Mal die „Shift“-Taste zu verwenden und setze die dann in nicht passende Threats. Wie groß wäre die Aufregung, wenn ich als Neuling in einem Literaturforum in der Rubrik „Gerade gekaufte Bücher“ einfach mal klein rein schreibe, wie sehr mir die zuletzt gelesenen bücher (natürlich plus titel und autor) gefallen haben.

Doch irgendwie erscheint mir das zu einfach. Da kann ich ja gleich Tokio Hotel verarschen. Von wegen leichtes Opfer und das. Hihi. Also setze ich mich in den Zug und fahre irgendwo hin. Ins Erzgebirge vielleicht. Dorthin, wo es Schnee gibt. Wo in der warmen Stube Menschen sitzen, die dem urbanen Trubel nicht verfallen sind. Ins Weihnachtsland eben. Weiß blitzen die Tannen. Die geeisten Ränder des Waldbaches breche ich ab und lutsche sie nass. So, dass mein Atem nicht mehr zu sehen ist. Eins mit der Natur? Irgendwie zu piefig, nee! Trotzdem schön. Doch wem erzähle ich davon? Ist ja niemand da in Berlin. Ich habe mir freie Zeit ertrotzt. Also wieder zurück, an allen Türen geklingelt. Irgendwie kann ich doch nicht ohne euch, auch wenn ich euch alle manchmal hasse, mit euren Ansichten, Kindern und Lobhuddeleien auf den so charmant ostigen Prenzlauer Berg, eurer schieren Präsenz. Mein Freund meinte heute, dass es nun auch mal gut ist, mit den verlassenen Straßen und bitteschön alle von ihren Eltern aus Süddeutschland zurückkehren dürfen, damit alles wieder etwas belebter wirkt. Nun ja, Briefe ordnen kann ich wohl auch, wenn ich tot bin, habe ich mir so gedacht, dabei an einem Eiszapfen gelutscht und mich gefragt, ob irgend jemand überhaupt bemerkt, dass mein Atem nicht zu sehen ist.

JAHN BORN am 3.1.09 10:44

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