LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 11: Kotzen oder Kontern?

Lieber Momo, Andreas und Jahn,

ich habs geschafft. Gerade eben erst hat mich der 220-km-schneller-geht’s-nicht-Zug im Höllentempo ausgespuckt. Und schwupps, bin ich wieder in meiner schwäbischen Wahlheimat. Diesmal ohne Schwaben, weil die wohl noch zu Besuch in Berlin sein müssen (mal so richtig einen drauf machen über die Feiertage, ne?!). Und was mit heute morgen noch als unlösbar, unmöglich, unverantwortlich schien – ich hatte gewettet, ob ich mich schon vor Köln oder erst nach Köln auf meinen Sitznachbarn erbrechen würde – jetzt ist es geschafft.

Ich hab übrigens nicht gekotzt. Nicht vor Köln, auch nicht nach Köln. Mir ist nur noch ein bisschen schlecht von der Schwäbsche Eisebahne, die sich in Wahrheit auf die Schienen legen muss, um die Voralbberge zu schaffen. Wir können alles, außer Züge. Ich bin auch nicht in Ohnmacht gefallen, als sich diverse Reisende über mich stapelten, weil die Bahn wieder vergessen hatte, dass nur eine begrenzte Anzahl Mitreisender in ihre Züge passt. Die sind da ja eher sozial veranlagt. Halten überall an, machen die Türen auf und rufen: kommt alle rein – klar ist hier noch Platz!

Ich hab mich auch nicht beschwert, als der Wagen, in dem ich reserviert hatte, gar nicht angehangen war. Die Putzkolonne im Stellwerk hatte vergessen, in dem Wagen die Aschenbecher zu leeren, so erklärte mir der Zugchef. Und mit vollen Aschenbechern...nee. Nein, auch da habe ich mich nicht aufgeregt. Auch nicht über die Schaffnerin mit ihrem süffisanten Oberlehrergehabe, nicht über die Reisenden, die mit ihren Beinen, Füßen und Koffern einen Hindernisparcours aus den Schlauchgängen gestalteten. Und sich anschließend noch über jede Oma, die den Parcours nicht in vorgegebener Zeit absolvieren konnte, lautstark mokierten. Nein. Ich habe mich NICHT aufgeregt.

Denn nachdem ich alle meine Festtagspläne, Zwischen-den-Jahren-Heimelichkeit, Sylvesterträume von Liebe begraben und selbst mein Spiegelbild, aus dem mich zur Zeit das Lächeln einer Anorexiekranken nach dem dritten Selbstmordversuch angrinst, nicht mehr mag, habe ich mir zumindest für den Rest des Jahres eines ertrotzt: Ruhe und Gelassenheit. Was immer auch kommt. Ab jetzt: Ruhe und Gelassenheit, Ruhe und Gelassenheit, Ruhe und Gelassenheit….Ruhe…Gelassenheit. Selbst in der Provinz.

Denn was bringt es schon? Wieder auf dieselben Hackfressen und ihre scheiß-beengten Horizonte zu schimpfen, die Blicke der biofaschistischen Idioten, wissensumnachteten Angeber und strohgehaltvollen Großmäuler mit voller Wut zurückzuschleudern, der eigenen Aggression Luft zu verschaffen und das wieder und wieder?

Antwort: Man fühlt sich einfach besser. Basta.

Aber mal was ganz anderes, Momo. Wie viel Realität passt in einen Blogg und wie sehen eigentlich Andreas und Jahn aus?

CHARLOTTE am 4.1.09 21:59

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