LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 15: Bügel-BH mit Männlichkeitswahn

 
lieber Momo,

das mit dem Fortbewegen ist in der Provinz so eine Sache. Ich denke ja gerade mehr und mehr drüber nach, ob ich mich hier, 15 Straßen entfernt vom geographischen Mittelpunkt Baden-Württembergs, tatsächlich noch fortbewege. Oder ob ich mich nicht besser fort bewegen sollte, um wieder vorwärts zu kommen?

Die Möglichkeiten in der Provinz, der Input für Aug` und Ohr` sind immerhin begrenzt. „Yes, we can“ ist vielleicht nur woanders möglich?

Aber Jammern gildet nicht, ätschibätsch! Und die Not wird vielleicht zur Tugend: in der Provinz ist es letztendlich hundertmal einfacher, selbst was vom Hocker zu reißen als in großen Städten, wo Hinz und Kunz einander nicht kennen. Weißt du, was ich meine?

Hier herrscht nämlich, obwohl wir mitten im durchglobalisierten Westen wurzeln, das Prinzip des sozialistischen Tausch-Ostens: tausche Speisekartenlayoutentwurf gegen warmes Mittagessen, zubereitet von einem schwäbisch-cholerischem Kochgott. So erlebt letzte Woche.

Oder, so, wie mir diese Woche blüht: tausche selbstgebackenen Kirsch-Schokoladenkuchen gegen Waschmaschinenreparatur - wusstest du übrigens, dass man Bügel-BHs unter keinen Umständen freilaufend in der Waschmaschine waschen darf? Zu gern trennt sich da mal der Bügel ohne Bindestrich vom BH und rutscht durchs Nadelöhr hinter die Trommel…und dann: Zappenduster, mein Lieber!

Ab nun scheppert jeder Wäschegang, dass es auch die Oma aus dem vierten Stock noch ohne Hörgerät wahrnimmt. Das geht auf Dauer nicht gut! Weder für die Oma noch für alle anderen.

Aber woher nun einen Monteur nehmen, wenn der letzte Groschen gerade eben noch für ein Handwaschmittel reicht? Freiwillig und ständig schleppt man also erstmal seine Wäsche um den halben Erdball. Die Kuckucke auf den letzten Erbmöbeln sollen schließlich nicht an den kotzgierigen Waschmaschinensalonbesitzer gehen, verdammt!

Lieber verpfändet man sich dem hiesigen, charmanten Theaterintendanten. Der neben seiner eigenen Waschmaschine samt aufhängbedürftiger Wäsche erst nach eindringlichem Verweisen auf eine vehemente Aufhängallergie sofort die theatereigene Kostümwaschmaschine freigibt. Und ein untergründig subtiles Lächeln auf sein Gesicht zaubert, sobald man ihm als Gegenäquivalent die 1001 Briefe unter die Nase wedelt, die man innerhalb einer 30-Grad-Wäschezeit gefaltet hat…

Doch auch diese Variante ist keine Dauerlösung. Das Kreuz tut schon weh vom Schleppen, und ewig die eigenen Höschen in der Männergarderobe trocknen zu müssen, führt auf Dauer zu sexistischen Bemerkungen.

Ein Glück also, dass der mit der Vermieterin vergeschwisterte Raumausstatter mit dem Handwerkskoffer aus der nächstgrößeren Stadt in das Wohnzimmer zum Sonntagstee einfällt. Welcher beschließt: „wenn’s Kuchen gibt, reparier ich dir die Maschine“. Und das in einem frauenbecircenden „Mach dir keine Gedanken, Kleines, aber Technik ist was für Männer, das kriegst du nicht hin“ -Ton.

Blöd für ihn ist nur: bei mir zieht dieses männliche Gesäusel und Darstellungsgehabe nicht. Trotz aller Dankbarkeit werd ich ihm daher einen Kirschkern in sein Kuchenstück backen müssen. Jaja, ein leuchtender Vergeltungsschlag!Fallerifallera!

Aber, ähm, zurück zum – wie du merkst – kolchoseartig organisiertem Leben in der Provinz – gibt es in deinem Großstädterleben auch Tauschgeschäfte? Und wo liegt eigentlich der geographische Mittelpunkt von Berlin?

CHARLOTTE am 31.1.09 23:00

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