LOCOPHOBIA - Wo willst Du leben?

Folge 20: Zwischen Wirklichkeit und Realität

Liebe Charlotte, lieber Momo,

jede Veränderung ist gut. Das soll nicht heißen, daß wir alle am Tiefpunkt unseres Lebens sind, aber Veränderungen halten uns doch am Leben, oder?

In den letzten zwei Wochen habe ich bei drei Umzügen mitgeholfen. Alles Freunde von mir, die an derselben Krankheit leiden: Locophobie. Die Nebenwirkungen dieser Krankheit sind erhöhter Puls, flaues Magengefühl, kurz: gespannte Erwartung. Auch wenn die Ortsveränderung meistens nicht aus freien Stücken geschieht, auch wenn wir uns in der Wahl unseres geographischen Lebensmittelpunkts einer ganzen Reihe von Zwängen ausgesetzt sehen (wer kann sich schon mit Fug und Recht als "Wahl-Berliner" bezeichnen?), so erleben wir einen Umzug doch mit einer gespannten Erwartung; ein neuer Wurf, vielleicht Kniffel, vielleicht nur Fullhouse, auf jeden Fall eine Chance. Die Chance, beim Eintritt in die neue Sphäre die Tür hinter uns zuzumachen. (Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, Hesse zu zitieren.)

Aber ist es denn überhaupt noch wichtig, wo, in welcher Stadt, in welcher Straße wir leben? Sitzen unsere Körper nicht sowieso nur noch auf einem schweineteuren Drehstuhl an einem selbstgebauten Schreibtisch vor einem rund um die Uhr kommunizierenden Computer? Befinden wir uns in Wirklichkeit nicht ständig in einer anderen Realität? Ist unser Nervensystem nicht schon längst ins Datennetz ausgewandert? Selbst Berlin ist für uns Möchte-nicht-Schwaben nur noch einen Klick weit entfernt. Wir können in weit entfernten Ländern oder Galaxien leben, in anderen Zeiten und Kulturen, und sind dabei völlig unabhängig von der Welt auf der anderen Seite der Fensterscheibe. Oder nicht? Als ich vor etwa zehn Jahren in diesen winzig kleinen Ort am Rande der Schwäbisch Alb gezogen bin und gleich am ersten Tag im Tante-Emma-Laden mit den Worten begrüßt wurde "Ond, wann isch's so weit bei ihrer Frau?" (kein "Grüß Gott", kein "Guten Tag", kein "Herzlich Willkommen", da wurde mir schlagartig klar, das Auto würde das wichtigste Medium für mich werden. Es würde mich von hier fortbringen, wann immer ich es wollte. Locophobia.

Mit Blick auf Sauren Regen und Klimawandel wünsche ich mir manchmal, ich könnte das Auto gänzlich durch meine realovirtuelle Schnittstelle ersetzen, durch meinen Schreibtisch und den Computer. Doch so weit sind wir noch nicht, zum Glück. Wo kämen wir hin, wenn wir uns nur noch zu virtuellem Kaffee verabreden könnten? Dass Realität noch existiert, so richtig physisch und in echt, das spüre ich jedenfalls nach drei Umzügen in zwei Wochen ganz deutlich: an meinem Rücken.

Woran merkt Ihr, liebe Charlotte und lieber Momo, dass ihr lebt, an dem Ort, an dem Ihr lebt?

 

Kiron am 23.3.09 01:02

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen